Im Spätmittelalter nahm die Theologie immer wieder Frömmigkeitselemente auf, daher ist die Kirchengeschichte dieser Zeit nur verstehbar, wenn man die Frömmigkeitselemente kennt.
Man kann eine Brücke schlagen von der Mystik zur Devotio moderna. Ihr Verhältnis ist aber bis heute ungeklärt. Die neue Frömmigkeit setzte sich ab 1380 durch, ausgehend von den Niederlanden. Sie war ein vornehmlich mitteleuropäisches Phänomen. Auch das Mönchtum wurde durch diese Bewegung geprägt. »Verantwortlich« für die Devotio moderna war Geert Grote (1340-1384). Dieser war ein frommer Kaufmann aus Dewinter, der sein Haus frommen Frauen zur Verfügung stellte. Sie nannten sich die »Schwestern vom gemeinsamen Leben« und lebten ordensähnlich zusammen, wenn sie auch kein Statut hatten. Sie banden sich nicht wie andere Orden an die evangelischen Räte. Ziel war, ihre individuelle Frömmigkeit gemeinsam zu leben. Dabei orientierten sie sich vornehmlich an Passionsfrömmigkeit. Ein Zug nach dem Motto »Es kommt, wie es kommt« ist den Gemeinschaften (das männliche Pendant sind die »Brüder vom gemeinsamen Leben«) ebenso fremd wie erotische Gotteserfahrungen a la Seuse. Im Zuge der Ausbreitung der Gemeinschaften wurde das sakramentarische Leben stabilisiert und die Mystik in einen bürgerlichen Kontext gebracht. Die Ausbreitung wurde unterstützt durch die Blüte der Verstädterung im 15. Jahrhundert, wo das Bürgertum an Macht zunahm und die Devotio moderna geradezu »aufsog«. Sie nahmen auch Konkurrenz zu den bisher existenten Bettelorden. Mit dem Ende des Städtebooms verschwand das gesamte Phänomen. Das Interesse an individueller Glaubensbewältigung nahm aber nicht ab: man hörte geistliche Texte und las sie selbst. Die Predigt gewann an Bedeutung und mit der Entwicklung des Buchdrucks wurde das Bibelsammeln zum »Volkssport«. Es kann dabei eine gewisse Affinität zu muttersprachlichen Bibelübersetzungen beobachtet werden. Auch andere erbauliche Schriften wurden verteilt, so auch Thomas von Kempens »De imitatione Christi« (RL 59a). In dieser Zeit erfolgte auch der enorme Aufstieg der Augustiner-Chorherren, die zweihundert bis dreihundert Klöster besaßen und deren Leben nahe an den Laien stand (RL 59b).
Im Spätmittelalter hatten die Menschen ein intensives Todesverhältnis. Das lag nicht zuletzt an seiner Allgegenwärtigkeit, ganz besonders während der großen Pest. Die Städte erlitten große Einbrüche, ganze Dörfer wurden ausgelöscht. Viele Menschen sahen in der großen Pest eine Verkörperung des Zornes Gottes (RL 78a). Sie wurde als Strafe für die Sünden angesehen. Die Lebenserwartung dieser Zeit betrug durchschnittlich 35 Jahre, 50Beerdigungen wurden von der Familie vorgenommen, die Kirche trat erst in zweiter Linie auf den Plan. Heutige Kasualien ergeben sich aus Resten der damaligen Volksfrömmigkeit. Durch die Buße soll erreicht werden, dass die Sterbenden sündenfrei sterben. Auch der Ablaßhandel florierte. Die »letzte Ölung« wurde nun während des Mittelalters zum Sakrament erhoben. Als »Proviant« wurde die Kommunion mitgegeben. Tote wurden vornehmlich in oder nahe bei der Kirche begraben. Auf kirchlicher Seite war das »Seelenamt« bedeutend: man wollte mit Messen für das Heil des Verstorbenen im Jenseits sorgen. Die »ars moriendi« als theologische Reflexion des Verhältnisses zum Tod blühte auf: aus dieser Richtung kommt die Vorstellung vom Totentanz. Eine besondere Tradition stellen die Flagellanten dar, die sich bis an den Rand des Todes selbst geißelten. Diese drastische Maßnahme sahen sie als besonders intensive Buße an ( ⇒ RL 77b).
Im Spätmittelalter kam es zu einer Intensivierung des sakramentalen Lebens. Eine oft drastische Handgreiflichkeit des Abendmahls wurde erfahren. Die Messe wurde als Universalheilmittel angesehen, manche entwickelten eine regelrechte »Messsüchtigkeit«. Parallel dazu nahm die Häufigkeit der Kommunion aber ab. Man wollte das Abendmahl nicht unwürdig empfangen ( ⇒ RL 76c). Anbetung der Hostie erfolgte innerhalb und außerhalb der Messfeier. Damit verbunden ist das Hostienwunder von 1263 und auch die Stiftung des Fronleichnamsfestes 1267. Als zweites Sakrament galt die Beichte, der Buße folgen sollte. Bußleistungen waren genau festgelegt, es entstand der Ablaßhandel. Erst im 16. Jahrhundert wurden die sieben Sakramente festgelegt, und zwar im Rückgriff auf Thomas von Aquin.