Zum ersten Mal im Mittelalter kommt es mit dem Humanismus zu einer fast ausschließlich weltlichen Bewegung, die erst in zweiter Instanz auf die Kirche ausstrahlte. Der Begriff »Humanismus« lässt sich auf die lateinische Bezeichnung für die Geisteswissenschaften zurückführen: »studia humaniora«. Von Italien ging die Renaissance (oder it. rinascimento) aus. Sie bezieht sich auf die bildende Kunst und Musik. Beide Begriffe sind miteinander auf das Engste verknüpft, da sie zwei Seiten derselben Medaille bezeichnen.
Im 14. und 15. Jahrhundert kam es zu einer Stadtgründungswelle. In Italien waren diese Städte unabhängig, weil aufgrund des Machtvakuums wegen der Streitigkeiten zwischen Kaiser und Papst sich keiner darum kümmerte, wie die Abhängigkeitsverhältnisse sein sollten. Daher hatte dort die Stadtgründungswelle besonders große Auswirkungen. Vorreiter des Humanismus waren Petrarca (†1377) und Nikolaus von Kues (1401-1464). Ihnen folgte Lorenzo Valla (1407-1457) nach, der die antike Rhetorik wiederentdeckte und vor allem die Schönheit der lateinischen Sprache betonte. Er übte Kirchen- und Zeitkritik und erneuerte die Kritik an der konstantinischen Schenkung. Außerdem äußerte er Skepsis an der Echtheit des apostolischen Glaubensbekenntnisses und forderte eine historisch-kritische Betrachtung des Neuen Testaments. Ihm brachte das noch berufliche Schwierigkeiten ein, anders als Massilio Ficino (1433-1499). Dieser entdeckte die griechische Sprache wieder: nach Konstantinopels Eroberung 1453 förderte er den Dialog mit Flüchtlingen aus Byzanz und die Auseinandersetzung mit den mitgebrachten Schätzen. Er versuchte einen Dialog zwischen Christentum und Platonismus herzustellen ( ⇒ RL 63b: »de religione Christiana«), machte aber nur die Spannungen zwischen beiden Welten noch deutlicher. In diesem Versuch folgte ihm Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494) nach, wobei er besonderen Wert auf die Anthropologie legte. Seine Schöpfungstheorie, die lautet: »Der Mensch formiert sich selbst« brachte ihm große Schwierigkeiten ein.
Der Mensch als Gestalter seiner selbst ist Gegenstand der Renaissancekunst. Der Mensch wird als sinnliche Realität wahrgenommen. Interessant ist, dass sogar die Kirche zum Auftraggeber dieser neuen Art der Kunst wurde. Sehr fruchtbar stellte sich in diesem Zusammenhang die Verbindung zwischen Michelangelo Buonarotti (1475-1564) und Papst Julius II (1503-1513) dar. Dieser war als Bildhauer, Maler, Dichter und Baumeister für ihn tätig. In Rom, wohin er ab 1534 seinen ständigen Wohnsitz verlegte, gehörte er einem Reformkreis um Vittorio Colonna an. Neu an seiner Kunst wie der gesamten Renaissancekunst ist die Wiederentdeckung der Perspektive und die Entdeckung der Individualität. Außerdem ist das Selbstbewußtsein der Künstler in dieser Zeit eine Neuerung.
Mit dem »Umzug« von Renaissance und Humanismus nach Rom wurde die Stadt um ein vielfaches größer. Außerdem wurde das Papsttum ein anderes: die Päpste stellten sich an die Spitze des Renaissancefürstentums und vernachlässigten ihre geistlichen Aufgaben. Unerhört war auch der in dieser Zeit erfolgte Abriss und Neubau der Peterskirche in Rom. Diese Aktion ist nicht unschuldig am Ausufern des Ablasshandels, denn es wurden große Geldmengen benötigt. Es bildete sich eine neue Schicht der Gesellschaft heraus, die aus denjenigen Gebildeten bestand, die nicht Theologen waren. Damit trat die neue Bildung mit Fixierung auf das klassische Altertum neben die »ursprüngliche« christliche Bildung der Theologie. Eine enorme Entwicklung in diesem Zusammenhang ist die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg 1454 in Mainz. Sie förderte auch einen neuentstandenen Zweig der Philologie: die Editionsphilologie; nun wurden Texte des klassischen Altertums gedruckt und herausgegeben.
Der Einfluss des Humanismus in Bezug auf Kunst und Druck war groß, aber weniger in Bezug auf die Baukunst. Das lag vermutlich an der geringen Präsenz antiker Bauten in Deutschland und im Europa nördlich der Alpen. Der berühmteste Renaissancekünstler in Deutschland war wohl Albrecht Dürer (1471-1528). Erasmus von Rotterdam (1466/9-1536) war einer der bedeutendsten theologischen und philosophischen Denker seiner Zeit. Er stand der »devotio moderna« nahe und hatte in Paris studiert. Er war Priester und Mönch. Am Beginn des 16. Jahrhunderts trat er als Reformtheologe hervor. Bei weitem übertraf aber sein Ruf als Gelehrter den Ruf als Theologen. Über mehrere Editionen entwickelte er ein reges Interesse an den Kirchenvätern und am griechischen Neuen Testament, das er 1516 herausgab. Wichtig war auch Johannes Reuchlin (1455-1522). Er war Gräzist und Hebraist und legte großen Wert auf die Urtexte. Seine Theologie ist eine Mischung aus Mystik, Kabbala und pythagoräischer Zahlenmystik. Dadurch geriet er – natürlich – in Konflikt mit der Amtskirche. Er wurde in anonymen »Dunkelmännerbriefen« seiner humanistischen Kollegen verteidigt.