Die Tendenz zum Absolutismus ging einher mit einer Verbreiterung der Basis der Gesellschaft, der Etablierung des Bürgertums. Was aber genau ist ein Bürger? Damals wie heute ist dieser Begriff vielschichtig. Bürger ist per definitione der, der einer Stadt angehört (so prägte sich dieser Begriff im Mittelalter aus). Die Stadtbürger waren seit dem Mittelalter eine Art vierter Stand. Im 18. Jahrhundert wird diese Schicht unabhängig vom ursprünglichen Wortsinn zur breiten Mitte der Gesellschaft, das »Bildungsbürgertum« entsteht. Diese Schicht ist der Adressat von Bildung, Kunst, Musik und Religion. Die Aufklärung baut ganz auf den neuen Stand. Der Bildungsbürger an sich steht allerdings in gewissem Sinne im Gegensatz zum Untertanen eines absolutistischen Staates. Aus dieser Spannung erwächst die französische Revolution und andere Revolutionen während des 19. Jahrhundert. Das Bürgertum wird damit frei von dieser Art Untertanentum. Die Prozesse, die im Zusammenhang mit der Ausbildung des Bildungsbürgertums stehen, wirken auch auf die Religion zurück. aus der Individualisierung der Kultur entsteht ein Rückzug der Religion ins Private. Dabei entstehen neue Formen der Religiosität, die in ihrer Abgrenzung nicht klar definiert sind (die Grenze zur Kunst und Musik ist fließend). Es entsteht eine säkularisierte Religion. Folgendes Schema bildet sich heraus:
Die Grenzen dieser Bereiche sind fließend. Im 18. Jahrhundert bildeten sich auch kleinere Organisationsformen innerhalb und außerhalb von Kirche und Christentum, die als Vorläufer des Vereinswesens heute gelten können. In diesem Zusammenhang steht auch die philantropische Bewegung (Basedow, Salzmann1). Ab ca. 1740 entsteht die Bewegung der Freimaurer, die eine Mischung aus Christentum und antiker Religiosität vertraten. Sie waren als Geheimbund organisiert. Einzelgruppen werden Logen genannt. Ein großer Teil der Oberschicht gehörte Freimaurerlogen an. Im Laufe der Zeit wurden die Freimaurerlogen immer mehr zu einem »Gegenmodell« zum kirchlichen Christentum, was zur gegenseitigen Exklusivität führte.
Aus der Individualisierung ergibt sich ein Aufstieg der Erbauungsliteratur. Neu ist die sich etablierende Naturfrömmigkeit, die sich an der Physikotheologie orientiert. Es findet in dieser Zeit die Reduktion des Gottesdienstes auf die Predigt statt. Die Vorstellung, Gottesdienst sei vornehmlich Predigt und die Liturgie komme erst an wesentlich späterer Stelle statt. Die Predigt wird zur moralischen Lehrrede. Dies ist auf Kant, das preußische Pflichtethos und das Staatskirchentum zurückzuführen. Themenbeispiele sind »Über die Abhärtung der Hirten und die Gefahr des Tragens von Pelzmützen« (Weihnachten) bzw. »Über die Gefahr des Lebendig begraben werdens« (Ostersonntag).
Herder kritisierte diese Art der Verflachung stark. Die Liturgie wurde ganz ins diesseitig-moralische gezogen. Auf diesem Hintergrund steht die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts und der Supranaturalismus, der zwar die kantsche Philosophie anerkennt, aber auch den Offenbarungsbegriff als etwas über die Vernunft hinausgehendes anerkennt, jedoch in Form eines »Lückenbüßers«.
Eine selektive Literaturgeschichte soll als Überblick über die Aufklärungskultur dienen. Die Aufklärungskultur war eine Kultur der Bücher und der Sprache. In manchen Fällen kann dieser Kunstgenuss religiöse Züge annehmen. Eine auffällig große Zahl der Dichter dieser Zeit sind Pfarrerssöhne. Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) war einer der Hauptvertreter dieser Literatur. Er ging an die fürstliche Schule Schulpforta. Zunächst studierte er in Jena, später in Leipzig. Vor allem wirkte er in Købnhavn und Hamburg. Sein Hauptwerk ist »Der Messias - ein Heldengedicht«. Dies schrieb er sein ganzes Leben lang. Ab 1749 wurde das Verswerk eröffnet. Die Passion Christi wird hierin in der Art der Odyssee, Ilias oder Aeneis geschildert. Neu ist die Sprengung des aufklärerischen Weltbildes. Beispielhaft für diese Entwicklung ist Matthias Claudius (1740-1815). Er studierte Theologie in Jena (ohne Abschluss), lebte in Dänemark und Hamburg als freier Schriftsteller und hatte u. a. viele Kinder. Er war Vertreter von Empfindsamkeit und Sturm und Drang sowie Vorreiter der Romantik. Mit seiner oft religiösen Dichtung sprengt er die kantsche Erkenntnistheorie:
»Seht ihr den Mond dort stehen,
er ist nur halb zu sehen,
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.«2
Die Transzendenz wird in der Dichtung als wichtig betrachtet: Vernunft ist nicht mehr das Maß aller Dinge.
Stilling und Hebel sowie Johann Caspar Lavater (1741-1801) sind Vertreter desselben Typus. Lavater war Pastor und Schriftsteller in Zürich, der eine Lesergemeinde um sich scharte. Sein Hauptwerk sind die »Aussichten in die Ewigkeit«. Hier vertritt er theologisch eine Betonung der Transzendenz.
* 21. März 1685 Eisenach
ab 1708 Hoforganist in Weimar
1717 Weggang nach Köthen im Streit
1723 Thomaskantor in Leipzig
gest. 28. Juli 1750 in Leipzig
Um Bach entstand schon zu seinen Lebzeiten ein regelrechter Kult. Neben seinen ungeheuren beruflichen Verpflichtungen schrieb er ein äußerst großes Werk aus Orgelwerken, Kantaten, Instrumentalwerken und Oratorien wie Passionen. Er hatte insgesamt 20 Kinder; von diesen überlebten nur wenige. Konfessionell war er durch die lutherische Orthodoxie geprägt. Diese Theologie setzte er in Musik um. Auch die Physikotheologie war für ihn seh wichtig; Musik als Verkündigungselement ist Mittel der religiösen Identität und Mission. Dennoch war die Grenze zwischen geistlicher und weltlicher Musik ist fließend. Der »Sitz im Leben« seiner geistlichen Musik liegt teilweise im Gottesdienst der Thomaskirche, teilweise auch außerhalb: die h-moll-Messe ist in reiner Musikdauer 2 Stunden lang; dies sprengt den Rahmen des Gottesdienstes eindeutig. Seine großen Kompositionen treten an die Stelle der Liturgie. Er wurde zum Inbegriff des Protestantismus innerhalb und außerhalb der verfassten Kirche.